Text-Hand

Vom roten Faden zum Textgewebe

Die Text-Hand führt die Arbeit mit dem roten Faden weiter. Das lateinische Wort „textum" bedeutet übersetzt „Gewebe". Dieses Bild zeigt so anschaulich, wie der Vorgang des Schreibens dem des Webens ähnelt.

Der rote Faden entspricht dem Schussfaden, der sich um verschiedene Kettfäden windet. Die Kettfäden stehen beim Schreiben für jene Fäden, die einen Text zusammenhalten: das Bewusstsein für den Adressaten und die Wirkung, die ein Autor mit seinem Text erreichen will, das Wissen um die adäquate Textsorte, sowie die Fähigkeit, einen Text semantisch und syntaktisch korrekt sowie ziel- und adressatenbezogen zu verfassen. Kurzum geht es um die Ausbildung pragmatischer und grammatischer Kompetenzen. Die Idee, Texte als Gewebe zu verstehen, kann bereits Drittklässlern mit Hilfe eines Webrahmens nahegelegt werden.

Um mit der Vorstellung des Textgewebes wirklich arbeiten zu können, wird das Bild auf die eigene Hand übertragen: Jeder Finger steht für einen der Haltefäden, darum webt sich der rote Faden als Schussfaden.

Text-Hand im Unterricht

Bei der Einführung der Text-Hand erfahren die Kinder sinnlich, wie sich der rote Faden um die Haltefäden webt und so ein stabiles Gewebe entsteht. So wie der Faden sich immer wieder um dieselben Finger webt, denkt der versierte Schreiber beim Schreiben immer wieder an den Adressaten und an sein Ziel. Er vergewissert sich beim Schreiben immer wieder der Textsorte und achtet unter Vorstellung von Adressat und Ziel bzw. Wirkung auf passende semantische und syntaktische Formulierungen.

 

Das Modell der Text-Hand kann dem versierten Schreiber bei der Planung eines Textes helfen. Im Unterricht dient es allerdings in erster Linie der Reflexion von Texten in der Autorenrunde. Zunächst ist es für den Kopf der Lehrerin gedacht, denn es schult ihren Blick auf die Texte der Kinder. Bevor es der Hand der Schüler übergeben wird, sollten diese mit der Sprache der Autorenrunden gut vertraut sein, denn ohne das Wissen, das sich durch das Jonglieren mit Schreibgeheimnissen ergibt, ohne Wissen um die Bedeutung des roten Fadens und ohne Know-How über unterschiedliche Textsorten läuft das Modell der Text-Hand Gefahr, schematisch eingesetzt zu werden und dem Gespräch über Texte eher die Lebendigkeit zu nehmen als zu geben. Vor dem 3. Schuljahr wird eine Einführung sicher nicht stattfinden. Wenn sich die Gespräche in den Autorenrunden den Bereichen der Text-Hand immer mehr annähern, ist der Zeitpunkt gekommen, die Arbeit mit Text-Hand anzubahnen. Sobald die Text-Hand thematisiert wurde, sollte Fahrplan 3 (Material unten) für die Gespräche in der Autorenrunde eingesetzt werden. Die Text-Hand-Karte für Einsteiger erhalten die Schülern als Zusammenfassung für ihr Tagebuch.

Profikurs zur Text-Hand

Zu einem späteren Zeitpunkt, wenn die Text-Hand zum festen Bestandteil der Gespräche in den Autorenrunden geworden ist und die Schüler mit den verschiedenen Bereichen Beispiele aus eigenen Texten der Klasse verbinden, kann der Profikurs (Material unten) zur Arbeit mit der Text-Hand eingesetzt werden.

Er vertieft das Verständnis der Text-Hand, indem die Machart von literarischen Texten der „großen Autoren" (z.B Astrid Lindgren) mit Hilfe derselben reflektiert wird. Am Ende des Profikurses erhalten die Schüler die Text-Hand-Karte für Profis (Grundschule) oder das Text-Hand-Heft für Profis (Sekundarstufe). Diese Materialien sind Zusammenfassungen für die Schüler. Die Profikarten dagegen, die ebenso die wichtigsten Einsichten zu den verschiedenen Bereichen der Text-Hand festhalten, verstehen sich als Unterstützung für die Gespräche in den Autorenrunden. Für jeden Finger und für den roten Faden gibt es eine Profikarte mit Hinweisen zu dem jeweiligen Bereich. Zu Beginn der Autorenrunde werden die Profikarten an jene Schüler ausgeteilt, die sich in dem folgenden Gespräch als Profi gezielt diesem einen Bereich zuwenden wollen.

Fazit

Die Text-Hand ist ursprünglich für die Reflexion, die Überarbeitung und die Planung von eigenen Texten konzipiert. Sie eignet sich ebenso für die Arbeit an Texten, die in authentischen Schreibkontexten entstehen, wie etwa das Protokoll der Klassenratssitzung, die Einladung an die Eltern oder der Sachtext für ein Tierlexikon im Internet. Diese Texte werden für echte Adressaten geschrieben und wollen in diesen eine bestimmte Wirkung erzielen. Sie mit der Text-Hand zu überarbeiten oder auch zu planen, ergibt Sinn. Unsinnig erscheint es jedoch, Texte mit der Text-Hand zu bedenken, die keinen echten Adressaten haben oder allenfalls den Lehrer als Zensor (Adressat: der Lehrer, Ziel: die gute Note, Textsorte: vorgegeben, Semantik/Syntax: sich dem Stil des Lehrers anpassen...). Diese wenig authentische Form des Schreibens führt zu Unmut und lässt die Motivation verkümmern.

Text-Hand - weitere Ausführungen, Beispiele, Erfahrungen in:
Individuelle Lernwege im Schreiben und Rechtschreiben, Teil II, S. 46 - 90.

Material/Download

Individuelle Lernwege

„Individuelle Lernwege... wurzeln in der Wertschätzung der individuellen Lebens- und Erfahrungswelt des Kindes und in der Anerkennung seiner individuell ausgeprägten Lernvoraussetzungen, die sich mitunter aus dem Ersten ergeben." 

Nach oben!