Anfangsunterricht

Schreiben nach Hören – Schreiben nach Gehör – Lesen durch Schreiben

Fragen und Antworten zum Schreiben mit einer Anlauttabelle

Schreiben und Rechtschreiben gehören von Anfang an zusammen! Argumente dafür aus Praxis, Fachdidaktik und Forschung finden Sie in den folgenden Fragen und Antworten zur Anlauttabelle. Sie können die Informationen hier lesen oder den Text als Broschüre (A5) bzw. als Paper (A4) ausdrucken.

Informationen für Kolleginnen und Kollegen, Eltern und andere Interessierte

anlauttabelle lesen durch schreiben

 

Was bedeutet "Schreiben nach Gehör" oder „Schreiben nach Hören“?

„Schreiben nach Gehör“ oder „Schreiben nach Hören“ sind vereinfachende und zugleich missverständliche Formulierungen, die landläufig für das Konzept „Lesen durch Schreiben“ verwendet werden. Dieses Konzept geht auf Jürgen Reichen zurück. Er entwickelte eine sogenannte Anlauttabelle , mit Hilfe derer die Kinder viel früher als sonst üblich schreiben, indem sie den gehörten Lauten eines Wortes die entsprechenden Buchstabenformen zuweisen. Und genau dadurch – das war Reichens Überzeugung – lernen sie lesen. Er bezeichnet sein eigenes Konzept als „lesedidaktisches Prinzip“ (1988). Die Anlauttabelle wurde von ihm also nicht vorrangig für das Schreiben- oder Rechtschreibenlernen entwickelt, sondern für das Lesen. So erklärt sich auch die Bezeichnung „Lesen durch Schreiben“. Konzepte wie "Schreiben nach Gehör" oder "Schreiben nach Hören" existieren in der Fachdidaktik nicht. Die Anlauttabelle ist bei Reichen eingebunden in einen Unterricht (Werkstattunterricht), durch den das Kind zur Selbststeuerung des Lernens und zum eigenständigen Denken angeregt werden soll. Sie ist nur ein Baustein eines umfassenden und klar strukturierten Materialangebots für das Lesen- und Schreibenlernen.

Reichen hat die Entwicklung des Anfangsunterrichts wohl beeinflusst (so findet sich heutzutage kaum eine Fibel ohne Anlauttabelle), in der Praxis aber wird seine Konzeption selten so umgesetzt, wie er sie konzipiert hat. Wenn heute mit einer Anlauttabelle im Unterricht gearbeitet wird, dann erfolgt ergänzend immer die Arbeit an Lauten, Buchstaben und anderen Strukturen der Schriftsprache. Die Tabelle ist dafür ein hilfreiches Medium. Oft wird die Arbeit mit der Tabelle mit einem Kurs zur Einführung der Buchstaben verbunden und häufig durch sogenannte Rechtschreibgespräche ergänzt.

Filme zum Rechtschreiben und zu Rechtschreibgesprächen im 1. Schuljahr: siehe http://www.beate-lessmann.de/filme/rechtschreiben-im-1-schuljahr

Wie lernt man mit einer Anlauttabelle das Schreiben?

Auch wenn die Anlauttabelle ursprünglich für das Lesenlernen konzipiert wurde, kann man mit ihr sehr gut das Schreiben lernen. Dafür wird den Kindern aber keinesfalls einfach eine Anlauttabelle in die Hand gedrückt, denn diese alleine führt ebenso wenig zum Schreiben wie das Anschauen eines Buches zum Lesen. Unter der Anleitung der Lehrperson lernen die Kinder, sich auf der Tabelle zu orientieren und den abgebildeten Gegenständen die passenden Begriffe zuzuordnen Das ist besonders wichtig für Kinder mit anderen Erstsprachen. Mit Hilfe der Wörter auf der Tabelle lernen die Kinder, Laute wahrzunehmen (T wie Tisch), zu unterscheiden (N oder M) und diese schließlich Buchstaben zuzuordnen. Entsprechende Spiele, Lieder oder Raps unterstützen diesen Prozess.

Spiele, Lieder oder Raps: siehe http://www.beate-lessmann.de/schreiben/spiele-lieder-uebungen

Zunächst schreiben die Kinder gemeinsam mit der Lehrperson (oder im jahrgangsübergreifenden Lernen mit einem schreiberfahreneren Kind). Genau dabei trainieren sie, Worte in ihre lautlichen Bestandteile zu zerlegen und den wahrgenommenen Lauten die passenden Buchstaben zuzuordnen. Der Prozess der Zuordnung von Laut und Buchstabe ist die Basis eines jeden Lese- und Schreibprozesses, unabhängig davon, ob mit einer Fibel oder einer Anlauttabelle gelernt wird. Die Anlauttabelle ist aber ein geeignetes Werkzeug, um die Fähigkeiten des Zuordnens zu erwerben und Regelmäßigkeiten wie Unregelmäßigkeiten von Schreibweisen zu erkennen und zu bedenken (s. Frage und Antwort zum Rechtschreibenlernen). Sobald die Kinder im Umgang mit der Tabelle Sicherheit zeigen, schreiben sie ihre Texte alleine oder zu zweit. Das kann bei einigen Kindern bereits nach wenigen Wochen der Fall sein und bei anderen zum Ende des 1. Schuljahrs.

Der Vorteil gegenüber der Fibel, bei der in der Regel alle im Gleichschritt die Buchstaben in einer festgelegten Reihenfolge lernen: Keiner wird überfordert und dadurch schon früh entmutigt. Keiner wird unterfordert, muss sich langweilen und in der Folge den Unterricht stören. Jeder schreibt auf seinem Niveau. Und das Wichtigste: Wenn Kinder schon nach wenigen Wochen ihre eigenen Wörter und Texte schreiben, dann erleben sie Schule als Ort, an dem ihre Gedanken und Ideen wichtig sind – kurzum sie erleben, dass ihre Person in der Schule zählt.

Interviews mit Erstklässlern zeigen, wie wichtig Kindern das Schreiben werden kann, wenn sie von Anfang ihre eigenen Texte schreiben und wie sehr sich die Kinder auf genau diese Momente des Schulalltags freuen. Dass sie über das Schreiben eigener Texte inhaltsreiche und außerordentlich gut formulierte Texte schreiben lernen, zeigen Textbeispiele aus dem 1. Schuljahr.

Interviews im Film: siehe http://www.beate-lessmann.de/filme/autoren-in-die-koepfe-geschaut/interviews-mit-kindern-am-ende-von-klasse-1.html

Textbeispiele: siehe http://www.beate-lessmann.de/schuelertexte/tagebuchtexte

Und wann lernen Kinder eigentlich, „gute Texte“ zu schreiben?

Falls Sie diese Frage überspringen wollen, geht es Ihnen leider so, wie vielen Politikern. Bei ihnen ist die Meinung weit verbreitet, ein guter Text sei ein rechtschriftlich korrekter. Natürlich ist die richtige Schreibweise auch ein wichtiger Aspekt, es ist aber eben nur einer unter anderen.
Schreiben lernt man durch Schreiben – und durch Nachdenken über Schreiben. Wer selten oder nie einen eigenen Text verfassen darf, ist im Nachteil. Wer regelmäßig und von Anfang an, eigene Geschichten, Ideen und Gedanken schreiben darf, ist im Vorteil, denn er entwickelt Fähigkeiten, Texte so zu schreiben, dass ein Leser oder Hörer sie gerne liest bzw. hört. Wer zusätzlich noch über die Machart seiner Texte im Dialog mit den Adressaten sprechen lernt, wie es etwa in der sogenannten Autorenrunde (Leßmann 2013a) der Fall ist, der erfährt, wie man Texte schreibt, mit denen man andere unterhalten oder informieren kann – also wie man bei einem Adressaten eine bestimmte Wirkung erzielt.

Autorenrunde: siehe http://www.beate-lessmann.de/schreiben/autorenrunde

Wer nur schreiben darf, was die Fibel oder die Lehrperson vorgibt, der hat weniger Chancen, gute Texte schreiben zu lernen. In der öffentlichen Diskussion über das Schreiben im 1. Schuljahr wird leider nicht danach gefragt, wie viele Texte die Kinder eigentlich mit dieser oder jener Methode schreiben, worüber sie schreiben, wie sie ihre Texte formulieren und wie sie es schaffen, die Rezipienten ihrer Textes beispielsweise zu erfreuen, zu unterhalten oder zu informieren.
Wer Kindern diese Fähigkeiten nicht zutraut, der schaue bitte die Textbeispiele, Interviews  oder Filmsequenzen aus dem Unterricht des 1. Schuljahres auf meiner Homepage an. Ich bin sicher, Sie sind erstaunt, zu welchen Ergebnissen und zu welchen Einsichten Kinder gelangen, die mit einer Anlauttabelle das Schreiben gelernt haben!

Textbeispiele: siehe http://www.beate-lessmann.de/schuelertexte/tagebuchtexte

Filmsequenzen: siehe http://www.beate-lessmann.de/filme/autoren-in-die-koepfe-geschaut/interviews-mit-kindern-am-ende-von-klasse-1.html

Kann man mit einer Anlauttabelle auch Rechtschreiben lernen?

Anlauttabellen wurden nicht dafür entwickelt, Rechtschreibung zu lernen. Sie sind aber ein nützliches Lernmedium, um zahlreiche elementare Regularien der deutschen Schriftsprache daran zu erarbeiten – eingebettet in das Schreiben von eigenen Texten. Die meisten Anlauttabellen folgen einer gründlich durchdachten und sprachwissenschaftlich fundierten Logik, durch die Grundmuster der Schriftsprache bereits erkennbar werden. Dazu gehört die Unterscheidung von großen und kleinen Buchstaben, von kurz und lang klingenden Vokalen oder von stimmhaft und stimmlos gesprochenen Konsonanten, um nur einige Beispiele zu nennen, die für die Rechtschreibung relevant sind. Beim Schreiben mit einer Anlauttabelle stoßen Kinder auf zahlreiche Fragestellungen (großer oder kleiner Buchstabe), die nicht aus der Tabelle selbst heraus beantwortet, aber anhand ihrer thematisiert werden können. Konkret geschieht dies im Unterricht in zahlreichen Situationen, nämlich wenn

  • die Kinder einer Klasse mit der Lehrperson gemeinsam schreiben,
  • die Lehrperson einzelne Kinder beim Schreiben unterstützt,
  • die Schreibweisen sogenannter Minimalpaare verglichen werden,
  • die graphische Unterscheidung großer und kleiner Buchstaben verstehend geübt wird,
  • in Rechtschreibgesprächen Regelhaftigkeiten thematisiert werden.

Filme aus dem Unterricht zu allen genannten Situationen: siehe http://www.beate-lessmann.de/filme/rechtschreiben-im-1-schuljahr.html

Die „Privatschreibungen der Kinder“ (Spitta 2015), wie die nicht normgerechten Schreibungen von Kindern am Anfang gerne genannt werden, sind Anlass für eine Auseinandersetzung mit den Strukturen der Schrift. Das Ziel besteht darin, Schreibweisen zu verstehen und erklären zu können. Vom sturen Auswendiglernen von Wörtern und Regeln ist es abzugrenzen. Privatschreibungen sind von Anfang an Anlass zum Lernen. Sie sind ein Durchgangsstadium auf dem Weg zur Erwachsenenschreibung. Die Gespräche über die Rechtschreibung werden im Laufe des 1. Schuljahres ergänzt durch Übungen zur Rechtschreibung, die den Kindern individuell zugewiesen werden (Leßmann 2007). Wer „lieba“ statt „lieber“ schreibt, erhält eine Übung zum –er am Wortende. Der Nachbar erhält eine ganz andere Übung. Spätestens ab dem 2. Schuljahr werden zusätzlich Wörter geübt, und zwar vor allem jene, die Kinder in ihren Texten nicht richtig schreiben. Es geht also um verstehendes Lernen und effektives Üben – und das ohne Über- und Unterforderung. Wer noch von "Schreiben nach Gehör" oder "Schreiben nach Hören" spricht, der verkennt die Potenziale von Anlauttabellen.

Übungen zur Rechtschreibung: siehe http://www.beate-lessmann.de/rechtschreiben/anfangsunterricht

Warum ist das Thema Rechtschreiben im 1. Schuljahr ein Reizthema?

Gute Frage! Wenn ein Kind sprechen lernt, erprobt es über einen langen Zeitraum das Bilden von Lauten, das Formen von Wörtern und das Konstruieren immer länger werdender Sätze. Erproben heißt, es macht nicht alles sofort richtig gemäß der sprachlichen Konventionen. Wir reagieren darauf wohlwollend, vermutlich weil wir darauf vertrauen, dass auch dieses Kind richtig sprechen lernen wird und weil wir wissen, dass diese Phase des Sprechenlernens nicht übersprungen werden kann. Geduldig versuchen wir, das Kind so zu unterstützen, dass es nicht überfordert und entmutigt wird. Keiner würde einer Zweijährigen die falsche Bildung des Konjunktivs anlasten oder gar ihren Eltern vorwerfen, sie würden ihr Kind nicht richtig anleiten. Der Weg zur Norm ist immer von Erprobungen und Verwerfungen gekennzeichnet. Das gilt auch für das Schreibenlernen. Den Kindern in der Schule beim Erwerb der Schriftsprache diesen Raum zu nehmen, hieße, ihnen wertvolle Entwicklungsschritte zu nehmen. Es hieße auch, ihnen die wichtigste Erfahrung des Schreibens und dessen Ziele vorzuenthalten – sich selbst in Schrift auszudrücken und mitzuteilen. Wenn Kinder am Anfang ihrer Sprechentwicklung nur noch sprechen dürften, was sie richtig sagen können, dann würde das den Sinn des Sprechens, nämlich miteinander zu kommunizieren, zerstören.

Warum reagieren wir bei Erprobungen in Bezug auf Schrift aber empfindlicher? Sogar so empfindlich, dass Politiker darüber bereit sind, elementare Schritte des Lernens verbieten zu wollen? Das Spezifikum der Schrift selbst ist der Grund: Erprobungen sind nicht mehr flüchtig wie beim Sprechen, sondern durch Schrift festgehalten, für andere zugänglich und verfügbar – und dieses auch noch Tage nach ihrer Produktion. Genau darin liegt aber der Sinn des Schreibens. Der geliebten Oma nun auch schreiben zu können, wie gern man sie hat, lässt die wichtige Botschaft Zeit und Raum überdauern. Wünsche, Ideen oder Geschichten aufschreiben zu dürfen, beglückt. Sie lesen zu dürfen, auch. Wenn da nicht diese „Unzulänglichkeiten“ in der Rechtschreibung wären, die Omas, Eltern und Politiker besorgt sein lassen. Es ist herausfordernder, „Fehler“ auszuhalten, die auf einem Papier festgeschrieben sind, als jene, die beim Sprechen flüchtig sind. Aus der Möglichkeit der Verschriftung selbst leitet sich erst die Notwendigkeit ab, nun auch noch „richtig“ zu schreiben: Die geliebte Oma soll den Brief schließlich auch gut und gerne lesen. Dafür ist die Rechtschreibung da.

Schreiben- und Rechtschreibenlernen erfordern - anders als das Sprechenlernen - professionelle Unterstützung. Deshalb lernt man Schreiben in der Schule. Lehrkräfte, Eltern und Politiker, die wissen, dass es sich bei den Privatschreibungen von Kindern um ein Durchgangsstadium handelt, das für den Schriftspracherwerb eine wichtige Funktion leistet, werden Kinder auch in dieser Entwicklungsphase geduldig und wertschätzend begleiten.

Wer besorgt über die Rechtschreibung von Schreibanfängern ist, wird nichts damit erreichen, die Anlauttabelle als eines ihrer nützlichsten Werkzeuge zu verbieten und damit zugleich das Schreiben von eigenen Texten aus dem Anfangsunterricht zu vertreiben. Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Schule überhaupt, Kinder zum Schreiben guter Texte anzuhalten. Ohne die Bedeutung des Schreibens erfahren zu dürfen, macht Rechtschreibung keinen Sinn. Wer besorgt ist, sollte für einen guten Unterricht eintreten, der Schreiben und Rechtschreiben von Anfang an verbindet.

Was sagt die Forschung zum Schreiben mit einer Anlauttabelle?

Zwei metaanalytische Studien, in denen der aktuelle Stand der Forschung zur Wirksamkeit unterschiedlicher Konzepte des Schreiben- und Lesenlernens (wie z.B. Lesen durch Schreiben, silbenanalytische Ansätze, fibelorientierte Leselehrgänge) zusammenfassend dargestellt werden (Funke 2014, Brügelmann/Brinkmann 2012), kommen zu übereinstimmenden Ergebnissen:

  1. Eine Überlegenheit eines Konzeptes über ein anderes konnte bisher nicht nachgewiesen werden. Zwar zeigen sich im Laufe von vier Jahren zu jeweils unterschiedlichen Zeitpunkten stärkere oder schwächere Effekte im Rechtschreiben, am Ende der vierten Klasse jedoch zeigen sich keine Unterschiede im Hinblick auf die gemessenen Effekte des Rechtschreiblernen in den unterschiedlichen Konzepten.
  2. Innerhalb einzelner Konzepte werden genauso große Unterschiede in den Erfolgen und Nichterfolgen gemessen wie zwischen unterschiedlichen Konzepten. Man kann also nicht verallgemeinernd von besseren oder schlechteren Konzepten sprechen.
  3. Der Erfolg einer Methode hängt nicht von dem durch die Lehrerin gewählten Konzept ab, sondern maßgeblich von der Qualität des Unterrichts, in dem sie ein Konzept anwendet.

Aus den unterschiedlichen Studien sei hier exemplarisch auf die Studie „BeLesen“ (Schründer-Lenzen/Mücke 2005) verwiesen, in der vier Konzeptionen von „sehr offen“ (Lesen durch Schreiben nach Reichen) bis „sehr eng“ (traditionelle Fibel) verglichen werden. Sie bestätigt, was viele Lehrerinnen und Lehrer im Alltag erfahren: Die Extrempositionen sind weniger erfolgreich als eine Integration von Methoden. Dies bedeutet, dass weder Klassen, in denen ausschließlich mit einer traditionellen Fibel noch Klassen, in denen ausschließlich nach dem Modell „Lesen durch Schreiben“ in seiner ursprünglichen Fassung nach Reichen unterrichtet wurde, am besten abschnitten. Am erfolgreichsten lernen Kinder – und das gilt auch für Kinder, die Deutsch als Zeitsprache erlernen –, wenn eine „strukturierte Spracherfahrung“ ermöglicht wird, wie es der Fall ist, wenn das freie Schreiben mit einer Anlauttabelle und die Betrachtung von Sprachstrukturen verbunden werden. Um genau diese Verbindung geht es in meiner Konzeption von Unterricht (Leßmann 2007/2013).

Die Befürchtung vieler Eltern, dass sich falsche Schreibweisen beim Schreiben mit einer Anlauttabelle einprägen würden, kann als widerlegt gelten. Ebenso die Vermutung, dass ein Erlesen von Wörtern, wie es im Fibellehrgang der Fall ist, die Rechtschreibung positiv beeinflusse. Es ist nachgewiesen, dass Effekte auf das Rechtschreiben größer sind, wenn Kinder unbekannte Wörter zu schreiben versuchen, als wenn sie diese zu lesen versuchen (vgl. Funke 2014).

Insgesamt bleibt kritisch anzumerken, dass Studien fast ausschließlich die Wirksamkeit von Konzepten in Bezug auf Rechtschreiblernen und Lesen untersuchen. Es gibt kaum Studien, die sich mit der sprachlichen Qualität von Kindertexten jenseits der Rechtschreibung beschäftigen. Allerdings gibt es eindeutige Hinweise darauf, dass sich die Schreibfähigkeiten in Bezug auf den Ausdruck und die Reichhaltigkeit des Wortschatzs von Kindern innerhalb der letzten vierzig Jahre insgesamt verbessert haben (Steinig/Betzel 2014). Die Frage, ob bei Kindern eine positive Haltung gegenüber dem Schreiben durch die eine oder andere Konzeption eher gestärkt oder geschwächt wird, ist bislang leider noch nicht untersucht (vgl. Funke 2014).

Literatur

Brügelmann, Hans; Brinkmann, Erika (2012): Freies Schreiben im Anfangsunterricht? Eine kritische Übersicht über Befunde der Forschung. In: Leseforum.ch. Online verfügbar unter http://www.leseforum.ch/myUploadData/files/2012_2_Bruegelmann.pdf, zuletzt geprüft am 07.08.2017.

Funke, Reinold (2014): Erstunterricht nach der Methode Lesen durch Schreiben und Ergebnisse schriftsprachlichen Lernens - Eine metaanalytische Bestandsaufnahme. In: Didaktik Deutsch (36), S. 21 - 63.

Leßmann, Beate (2007/2013a/b): Individuelle Lernwege im Schreiben und Rechtschreiben. Ein Handbuch für den Deutschunterricht. Teil I (2007): Klassen 1 und 2. Teil II (2013a): Klassen 3 bis 6: Schreiben. Teil III (2013b): Klassen 3 bis 6: Rechtschreiben. Heinsberg: Dieck-Verlag.

Reichen, Jürgen (2008): Lesen durch Schreiben. Wie Kinder selbstgesteuert lesen lernen. Heft 1. Sabe Verlag Zürich.

Schründer-Lenzen, Agi/Mücke, Stephan (2005): Mit oder ohne Fibel – was ist der Königsweg für die multilinguale Klasse? In: Bartnitzky, Horst/Speck-Hamdan, Angelika: Deutsch als Zweitsprache lernen. Grundschulverband, Beiträge zur Reform der Grundschule. Frankfurt/Main, S. 210 - 220.

Spitta, Gudrun (2015): Für das Schreiben begeistern. Mit Schreibkonferenzen systematisch die Textkompetenz fördern. Berlin: Cornelsen (Lehrerbücherei Grundschule).

Steinig, Wolfgang/Betzel, Dirk (2014): Schreiben Kinder heute schlechter als vor 40 Jahren? Texte von Viertklässlern aus den Jahren 1972, 2002 und 2012. http://fd.phwa.ch/wordpress/wp-content/uploads/2014/10/Steinig-Grundschu%CC%88ler-schlechter-schreiben.pdf, zuletzt geprüft am 18.08.2017.

"Schreiben nach Gehör" oder "Schreiben nach Hören" alleine reicht nicht aus!

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Individuelles Lernen

"Der Schlüssel für das so verstandene „individuelle Lernen“ ist das Schreiben im Tagebuch."

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