Gemeinsame Klassenlektüre

Sich als Klasse mit einer für alle gleichen Lektüre zu befassen, schafft Ankerpunkte für das gemeinsame fachliche Lernen und für das soziale Miteinander - während der Arbeit an der Lektüre und danach. Durch literarisches Lernen werden gemeinsame ästhetische Sinnbildungsprozesse initiiert.

Chancen der gemeinsamen Klassenlektüre

Anders als in der Lesezeit, die vorrangig der individuellen Lektüre gewidmet ist oder ggf. der Auseinandersetzung in kleineren Literaturzirkeln, birgt die Verbindlichkeit einer gemeinsamen Klassenlektüre Chancen, solche Themen aufzugreifen, die aus sozialer, thematischer oder sprachlicher Sicht für die Klasse von besonderer Relevanz sind. Die gewählten Zielsetzungen in der Arbeit mit der Lektüre zu verfolgen, ist die Herausforderung für die Lehrperson.

Zwar werden für viele Lektüren bereits vorgefertigte Lesebegleithefte oder Lesetagebücher angeboten, eine Aufgabenzusammenstellung sollte aber immer die spezifische Klassensituation im Blick haben. Die Arbeit auf dem Papier sollte keinesfalls die gemeinsame Auseinandersetzung in der Lesergemeinschaft der Klasse ersetzen. Perspektivenwechsel und Rollenübernahmen etwa fordern das gemeinsame literale Agieren in der Gruppe ein. Deshalb werden hier exemplarisch solche Methoden vorgestellt, bei denen die Leseeindrücke der Einzelnen erst im sozialen Raum der Klasse zur Entfaltung gelangen. Diese Methoden haben sich für ganz unterschiedliche Lektüren bewährt und sollten nicht nur einmal, sondern immer wieder zu derselben Lektüre eingesetzt werden: So bilden sie auch eine methodische Kontinuität. Ein Lesetagebuch oder die Arbeit mit einer Meinungskarte kann die gemeinsame Auseinandersetzung vorbereiten oder ergänzen.

Elementare Methoden literarischen Lernens

Standbilder fokussieren die Beziehungen der Figuren untereinander. Lehrpersonen oder Schülerinnen und Schüler bauen aus den Körpern der Mitschüler/-innen Szenen, die von allen gemeinsam mit Leben gefüllt werden. Steht ein Standbild, so wird es "eingefroren" und die Nichtaktiven gehen nun um das Standbild herum, betrachten Körperhaltung und  Mimik. Danach dürfen sie den Figuren Worte in den Mund legen, indem sie zu der Figur gehen und ihr die Hand auf die Schulter legen, während sie für die Figur sprechen. Es können die Gedanken oder Gefühle der Figuren - und damit oftmals die eigenen - geäußert werden, es kann sich daraus aber auch ein Gespräch der Buchfiguren untereinander entwickeln. In einem abschließenden Gespräch werden die geäußerten Gedanken und Gefühle reflektiert und in Beziehung gesetzt zu dem bisher Gelesenen - auch zur Sprache des Buches.

Die Methode Innere Stimmen bietet sich an, um den Handlungsmotiven der Protagonisten nachzuspüren und dabei unwillkürlich die Erfahrungen und Gedanken der Rezipienten und Rezipientinnen einzubinden. Sie eignet sich für solche Textstellen, in denen eine Figur innere Konflikte erlebt oder eine Entscheidung treffen muss. Ein Schüler oder eine Schülerin übernimmt die Rolle des Protagonisten und setzt sich auf einen Stuhl. Er oder sie sucht sich zwei Mitspielende, die seine innere "Pro-Stimme" übernehmen, und zwei weitere, die seine innere "Contra-Stimme" spielen. Sie sitzen jeweils recht und links von dem Protagonisten, der ihnen nun sein Problem schildert und die beiden inneren Stimmen um ihre Meinungen bittet. Hat er sich eine Meinung bilden können, beendet er das Gespräch unter den Pro- und Contrastimmen und gibt seine ENstcheidung bekannt. Auch hier erfolgt ein auswertendes Gespräch.

Natürlich gehören literarische Gespräche über Erwartungen, Hoffnungen und Enttäuschungen der Protagonisten, aber auch über einzelne Textstellen und Formulierungen zum festen Bestandteil der gemeinsamen Lektüre. Die Gespräche können in der ganzen Klasse stattfinden, aber auch in Tischgruppen, im Doppelkreis bzw. Kugellager oder in Murmelgesprächen zu zweit. Klassen, die regelmäßig über die Wirkungen und die spachliche Machart von selbst verafssten Texten in Autorenrunden sprechen, greifen bereits eine sich bildende Metasprache zurück. Denn die Sprache für die Sprache entwickelt sich gerade in den Gesprächen über Texte. Textgespräche wie die in Autorenrunden sind wertvolle Anknüpfunsgpunkte für literarische Gespräche. Auch die Artefakte der Autorenrunden können die literarischen Gespräche produktiv stützen: etwa der Rote Faden oder die Text-Hand (s.a. Textarbeit Literatur und Schreiben).

Meine Erfahrungen - meine Einschätzung

Mit einer ganzen Klasse eine für alle verbindliche Lektüre zu bedenken, ist aufgrund heterogener Lernvorasusetzugen eine Herausforderung, kann aber zu einem beglückenden Erlebnis des Gemeinsamen werden - und zwar dann, wenn die Inhalte der Lektüre für die Einzelnen, vor allem aber für die Klasse von Bedeutung sind. Durch Motive, Figuren, Handlungen und Perspektiven der Literatur wird versprachlicht, was zuvor ggf. unsagbar erschien. Die gemeinsame Lektüre und die Arbeit an ihr bereichert, da sie neue, bislang vielleicht ungeahnte Bedeutungsmuster bereitstellt. Die gemeinsamen Wahrnehmung wird zum gemeinsamen ästhetischen Prozess im Schulalltag.

 

 Schreibzeit

 

Mehr zur gemeinsamen Klassenlektüre erfahren

Vertiefen
  • Leßmann (2018): Individuelle Lernwege, Handbuch Teil I: Klassen 1 und 2, S. 127-129
  • Leßmann (2016): Individuelle Lernwege, Handbuch Teil II A: Klassen 3 bis 6, S. 216 - 218, 222-227
  • Literarisches Lernen: Kaspar Spinner,
  • Literarisches Gespräch: Marcus Steinbrenner, Gerhard Härle, Maja Wiprächtiger
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Fotogalerie Gemeinsame Klassenlektüre

 
Innere Stimmen
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Meinungskarte zur gemeinsamen Klassenlektüre
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